„Der Kapitalmarkt steht an einem Wendepunkt.“
Commercial Director Lukas Linn über den deutschsprachigen Kapitalmarkt und die Zukunft von Impact Investing
Der deutschsprachige Markt für Unternehmensfinanzierung verschiebt sich strukturell. Klassische Bankkredite stoßen insbesondere bei wachstumsorientierten Unternehmen an ihre Grenzen – nicht zuletzt durch strengere Regulierung und gestiegene Zinsen. Gleichzeitig agieren Venture Capital-Fonds in einem volatileren Marktumfeld deutlich selektiver und konzentrieren sich auf wenige, kapitaleffiziente Geschäftsmodelle. Parallel dazu steigt der Finanzierungsbedarf – etwa durch die Transformation in den Bereichen erneuerbare Energien, nachhaltige Immobilien und Technologie. Dadurch vergrößert sich die Finanzierungslücke zwischen früher Start-up-Phase und etablierten Kreditstrukturen. Alternative Finanzierungsformen gewinnen vor diesem Hintergrund zunehmend an Bedeutung und rücken stärker in den Fokus von Investoren.
Lukas Linn kennt diesen Markt aus verschiedenen Perspektiven. Er hat an internationalen Innovationsstandorten wie London, Wien, der San Francisco Bay Area und Kopenhagen gelebt, gelernt und gearbeitet, bevor er nach Berlin kam, einer Stadt, die er heute sein Zuhause nennt. Sein akademischer Weg führte ihn über eine Bachelorarbeit zu Start-ups bis hin zum Masterstudium im Innovationsmanagement. Ein Auslandssemester in Kalifornien, mit Besuchen bei Unternehmen wie Airbnb, DocuSign und Uber, prägte seinen Blick auf Innovation und Wachstum nachhaltig. Anschließend sammelte er Erfahrung beim ersten PropTech-Accelerator Europas, die sich zu der führenden Innovationsplattform der Bau- und Immobilienbranche weiterentwickelt hat.
Alle Assetklassen im Blick
Seit Ende 2023 gehört Lukas zum Berliner Team der Invesdor Group, inzwischen als Commercial Director DACH. Nach dem Aufbau der neuen Finanzierungssparte rund um Eigenkapitalfinanzierungen für Scale-ups im deutschsprachigen Markt, überblickt er mittlerweile die Investmentaktivitäten sämtlicher Assetklassen für die deutschsprachige Region bei Invesdor. Dazu gehören neben Equity-Investments für Wachstumsunternehmen auch Fremdkapitalfinanzierungen für den Mittelstand sowie Projektfinanzierungen im Bereich Renewable Energy und Real Estate.
Um den internationalen Kapitalmarkt weiter zu demokratisieren und eine noch größere Diversifikation für Investmentportfolios zu ermöglichen, wird Invesdor bald eine neue Assetklasse auf der Plattform einführen: Pre-IPO-Investments – der Zugang zu einigen der bekanntesten und am stärksten wachsenden Unternehmen der Welt vor dem Börsengang.
Im Interview spricht er über die Entwicklung des Kapitalmarkts, die Rolle von alternativen Finanzierungsformen und darüber, was ihn an dieser Arbeit jeden Tag aufs Neue antreibt.
„Alternative Finanzierungsformen sind längst keine Nischenprodukte mehr. Crowdinvesting als Beispiel entwickelt sich zunehmend zu einem festen Bestandteil moderner Finanzierungsstrukturen.“
Wie erleben Sie aktuell die Entwicklung des deutschsprachigen Marktes für Unternehmensfinanzierung und Investments?
Lukas Linn:
Der deutschsprachige Markt befindet sich gerade in einer neuen Phase. Nach Jahren günstiger Liquidität sehen wir heute ein deutlich selektiveres Investitionsumfeld. Banken agieren vorsichtiger, klassische Venture Capital-Investoren investieren noch gezielter. Der Fokus liegt stärker auf Profitabilität und auf Zukunftsthemen, die die Gesellschaft signifikant prägen, etwa KI oder Verteidigungslösungen. Gleichzeitig bleibt der Kapitalbedarf hoch, gerade bei wachstumsorientierten Unternehmen und nachhaltigen Projekten.
Mein Fazit: Wir bewegen uns von einem stark angebotsgetriebenen Markt hin zu einem Finanzierungsumfeld, das deutlich stärker von Nachfrage, Qualität und Struktur geprägt wird.
Sie sprechen von neuen Möglichkeiten in Transformationsbereichen. Was meinen Sie damit konkret?
In Bereichen wie erneuerbaren Technologien entstehen viele neue Chancen, aber auch komplexere Finanzierungsanforderungen. Die Nachfrage steigt besonders nach innovativen Lösungen, die nachhaltig und zugleich wirtschaftlich rentabel sind.
Im Immobilienbereich zum Beispiel wird das Gebäude heute nicht mehr nur als reines Objekt betrachtet. Themen wie Energieeffizienz, Smart Buildings und CO2-Reduktion rücken stark in den Vordergrund. Neue Bauweisen, zirkuläre Ansätze und nachhaltige Materialien gewinnen ebenfalls an Bedeutung.
Besonders spannend ist dabei: Der eigentliche Hebel liegt nicht im Neubau, sondern im Bestand – beispielsweise in Form von energetischer Sanierung von bereits bestehenden Immobilien. Circa ein Drittel aller globalen CO2-Emissionen entfällt auf den Gebäudesektor. Wir verbringen 90 Prozent unserer Zeit in Immobilien. Das macht diesen Bereich zu einem der wirkungsvollsten Felder für unsere Gesellschaft, ebenso für nachhaltige Investitionen. Und auch der soziale Wohnbau, insbesondere über Genossenschaften, gewinnt deutlich an Dynamik und eröffnet ökologische und ökonomische Investmentchancen.
Wo entstehen Ihrer Meinung nach aktuell die größten Finanzierungslücken im deutschsprachigen Markt?
Unternehmen müssen ihre Refinanzierungsstrategien breiter aufstellen, weil Finanzierungen anspruchsvoller werden. Alternative Finanzierungsformen gewinnen dadurch strukturell an Bedeutung.
Die größte Lücke sehe ich in der sogenannten Growth Gap: dem Bereich zwischen früher Venture-Finanzierung und klassischer Bankfinanzierung. Konkret betrifft das Unternehmen mit einem validierten Geschäftsmodell, die also bewiesen haben, dass ihr Konzept funktioniert, und die einen klaren Wachstumspfad vor sich haben. Diese Unternehmen sind bereits erfolgreich im Markt, aber für eine Hausbank noch zu jung oder zu dynamisch, um problemlos an Kredit zu kommen.
Besonders sichtbar ist diese Lücke auch im Bereich erneuerbare Energien. Projekte in Photovoltaik und Batteriespeicher sind wirtschaftlich attraktiv und für die Energiewende essenziell, können aber nicht immer problemlos finanziert werden. Das liegt daran, dass Projektentwicklungen sehr kapitalintensiv sind, die Finanzierungsstrukturen komplex werden und verschiedene Schichten kombiniert werden müssen: Junior, Mezzanine, Senior. Klassische Banken und institutionelle Investoren reagieren bei neuen Technologien noch oft konservativ, selbst wenn sich diese längst bewährt haben.
Infografik
Der Growth Gap: Wo Unternehmen zwischen die Stühle fallen
Invesdor schließt diese Lücke als zuverlässiger Finanzierungspartner mit Investments typischerweise zwischen 500.000 und 5 Millionen Euro.
Welche Rolle kann Crowdinvesting in diesem Umfeld spielen, heute und künftig?
Ich erlebe persönlich, dass manche Marktteilnehmer Crowdinvesting noch als Nischenlösung oder reines Marketinginstrument sehen. Das wird der heutigen Realität nicht mehr gerecht. Crowdinvesting hat sich zu einer ernstzunehmenden, strukturierten und alternativen Finanzierungsform entwickelt, die eine ganz konkrete Lücke im Markt adressiert.
„Wir verstehen uns als Finanzierungsbaustein.“
Ich sehe dabei drei zentrale Rollen. Erstens als integrativer Bestandteil moderner Finanzierungsstrukturen: kein Ersatz für Banken oder Venture Capital, sondern ein Co-Investment-Baustein, der den Finanzierungsmix gezielt erweitert. Zweitens als Zugang zu einer breiten, europäischen Investorenbasis – digital, effizient und skalierbar, grenzüberschreitend und ohne bürokratischen Aufwand. Drittens als Skalierungs- und Sichtbarkeitsfaktor: Investorinnen und Investoren können zu Multiplikatoren oder sogar zu Kunden werden. Dieser Effekt ist real und wird heute deutlich professioneller genutzt als noch vor einigen Jahren.
Wofür steht Invesdor? Was ist die Mission und strategische Positionierung der Plattform?
Unsere Mission ist klar: Europas führende Plattform für Impact Investments – also Finanzierungen für wirkungsorientierte Unternehmen und Projekte. Hierbei fokussieren wir uns vor allem auf unsere drei Kernmärkte DACH, Benelux und Nordics.
Mittlerweile haben wir fast 1.100 Projekte finanziert und ein Transaktionsvolumen von über 600 Mio. € realisiert. Das zeigt: Der Bedarf ist da und das Modell funktioniert. Europaweit.
Was uns besonders auszeichnet ist die Breite unseres Investmentangebots. Wir bilden Unternehmensfinanzierung über Fremdkapital – festverzinste Anleihen – für den Mittelstand sowie über Eigenkapital-Investments für Start-ups und Scale-ups ab. Zudem finanzieren wir Projekte für Erneuerbare Energien, wie etwa Batteriespeicher, Windkraft oder Photovoltaik. Aktuell bauen wir zusätzlich den Bereich Real Estate Financing auf bzw. aus – also Projektentwicklungen im Neubau und Bestand.
Impact und Nachhaltigkeit sind dabei kein Lippenbekenntnis. Rund 80 Prozent der Projekte, die wir auf die Plattform bringen, zahlen auf unsere Impact-Vision ein, orientiert an ESG-Kriterien. Das umfasst unsere drei strategischen Säulen Energietransition, Kreislaufwirtschaft und Life Science. Und wir sehen: Genau diese Projekte erzeugen die größte Nachfrage bei unseren Investoren und Anlegenden.
Invesdor in Zahlen
Europas führende Impact-Investing-Plattform
1.000+
finanzierte Unternehmen und Projekte
600 Mio. €
Transaktionsvolumen realisiert
200.000+
Investorinnen und Investoren
100+
Länder, aus denen Investoren kommen
Welche Voraussetzungen muss ein Unternehmen erfüllen, um über Invesdor eine Finanzierung umzusetzen?
Das lässt sich am besten nach Eigenkapital und Fremdkapital unterscheiden.
Bei Eigenkapital-Investments finanzieren wir junge Wachstumsunternehmen, die innovativ und nachhaltig unterwegs sind. Die Unternehmen sollten ein Proof of Concept vorweisen können, also bewiesen haben, dass ihr Geschäftsmodell funktioniert, zum Beispiel durch sechsstellige Jahresumsätze. Wir verstehen uns als Baustein im Finanzierungsmix, ohne Board-Sitz oder strategisches Mitspracherecht, aber mit klarem Interesse an einem Exit. Typische Investments liegen zwischen 500.000 und rund 3 Millionen Euro.
Bei Fremdkapital-Investments, also festverzinslichen Anleihen, finanzieren wir etablierte und profitable Unternehmen mit nachgewiesener Kapitaldienstfähigkeit: EBITDA-Profitabilität und ausreichendem Cashflow. Hier haben wir unter anderem Unternehmen aus den Bereichen Food und Produktion finanziert, aber auch Hotelketten und Fußballvereine.
Wie läuft der Finanzierungsprozess bei Invesdor konkret ab?
Wir sind insgesamt agil und schlank aufgestellt. Nach dem Erstgespräch folgt ein Analyseprozess von in der Regel zwei bis vier Wochen, in dem wir Geschäftsmodell, Markt, Wettbewerb und Risikoprofil prüfen. Anschließend trifft unser Investment Comitee (IC) auf Vorstands- und Investment-Manager-Ebene eine finale Entscheidung.
Wenn ein Projekt auf die Plattform kommt, werden im Hintergrund Verträge ausgearbeitet. Danach bereitet unser Kampagnenteam die Finanzierungsrunde auf, inklusive Übersetzung und Lokalisierung für unsere internationalen Domains. Das dauert nochmals etwa zwei bis vier Wochen. Die Kampagne selbst läuft in der Regel nur drei Wochen, bewusst kurzgehalten. Nach Abschluss der Finanzierungsrunde gibt es eine 14-tägige Widerrufsfrist, in der Investoren und Anlegende ihr Investment finalisieren bzw. widerrufen können.
Realistisch dauert der gesamte Prozess vom Erstgespräch bis zum Geldeingang etwa drei Monate. Wir hatten aber auch schon Projekte – vor allem mit starkem Impact-Fokus und attraktiven Konditionen – die innerhalb von wenigen Tagen bzw. Stunden vollständig finanziert und sogar überzeichnet waren.
Welche Trends beobachten Sie auf Investorenseite? Wer investiert, und worein?
Der Markt wird europäischer, diverser und zugänglicher. Über 200.000 Investoren und Anlegende aus mehr als 100 Ländern nutzen unsere Plattform. Eine finnische Investorin kann in ein österreichisches Unternehmen investieren, ein deutscher Investor in ein niederländisches Batteriespeicherprojekt – grenzüberschreitend, einfach und digital.
Was wir kulturell beobachten: Investoren und Anlegende aus dem deutschsprachigen Markt investieren tendenziell eher in heimische Projekte, oft weil sie die Marke oder das Unternehmen kennen. Niederländerinnen und Niederländer hingegen sind offener für internationale Investments, was auch kulturell mit einer stärkeren Innovationsaffinität zusammenhängt.
Je stärker der Fokus auf Nachhaltigkeit und Impact, desto internationaler wird auch die Investorenbasis. Und wir sehen ganz klar: Die größte Nachfrage entsteht bei nachhaltigen und innovativen Projekten, in erneuerbaren Energien, nachhaltigen Immobilien und zukunftsorientierten Technologien. Investorinnen und Investoren schätzen dabei besonders die Möglichkeit, ihr eigenes Portfolio gezielt zusammenzustellen und selbst zu entscheiden, in welche Projekte sie investieren.
Was motiviert Sie persönlich an dieser Arbeit?
Besonders die Zusammenarbeit mit einem internationalen, smarten und motivierten Team und der persönliche Kontakt zu Gründer- und Managementteams sowie Projektentwicklern. Ich sehe immer die Person hinter dem Projekt: die Motivation, die Geschichte, den Antrieb. Das macht jede Finanzierung zu einer echten Partnerschaft, also weit mehr als nur eine Transaktion.
„Der persönliche Kontakt zu Gründer- und Managementteams und Projektentwicklern ist ein Punkt, der mich jeden Tag motiviert.“
Was mich darüber hinaus antreibt: zu sehen, wie Unternehmen durch unsere Unterstützung wachsen – so geht unser Plan nach echtem Wachstumskapital also auf. Und ehrlich gesagt macht es einen Unterschied, ob man ein Unternehmen finanziert, das wirklich etwas verändern will, oder einfach nur eines, das größer werden möchte.
Was ist Ihr abschließendes Statement zum Kapitalmarkt und zur Rolle von Invesdor?
Ich bin überzeugt: Wir stehen an einem echten Wendepunkt. Finanzierung wird europäischer, diverser und zugänglicher. Die Komplexität steigt, aber mit ihr auch die Chancen für flexible und spezialisierte Plattformen.
Crowdinvesting ist längst kein Nischenprodukt mehr. Es ist ein fester Bestandteil moderner Finanzierungsstrukturen und wird in einem Umfeld, das selektiver und anspruchsvoller wird, immer relevanter. Genau das ist, wofür Invesdor steht: Unternehmen und Projekten, die wirklich etwas bewegen wollen, Zugang zu Kapital ermöglichen, europaweit, digital und mit einem klaren Fokus auf Impact. Das ist unsere Mission. Und das ist das, wofür wir jeden Tag arbeiten.
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